- Die Entwicklung des Golf
- Innige Liebe zum Golf
- Rückkehr zu den Wurzeln
- Der neue Golf
- Der Designer im Interview
"Andere müssen auffallen, ein Golf nicht"M. Lichte, Designer des Golf 6
Der neue Golf - der Golfklasse entwachsen
Dabei lohnt es sich, öfter mal auf den Tacho schauen: Diverse technische Details, die zu erklären den Rahmen dieses Textes sprengen würden, sorgen für eine beinahe irritierende Ruhe im Fahrzeug. Entspannte Gespräche sind selbst bei verschärftem Tempo und zünftigem isländischem Hagelsturm kein Problem.
Im Innenraum schaffen mattierte Kunststoffe und Chromdetails einen Look, der mindestens der nächsthöheren Automobilklasse entspricht – ein Umstand, den Volkswagen in der Werbekampagne für den neuen Golf mit der bewussten Zweckentfremdung des Wortes „Wertigkeit“ andeutet. Ein bemerkenswertes Detail: Das einst von Ferdinand Piëch persönlich eingeführte blaue Tachometerlicht des Golf wich einem klassisch weißen.
Den Golf 6 wird es vorerst mit vier Benzinern von 80 bis 160 PS und zwei Diesel-Motoren mit 110 oder 140 PS geben. Eine GTI-Version wurde kürzlich auf dem Autosalon in Paris gesichtet. Wer beim Duchschnittsverbrauch um sechs Liter noch immer vom schlechten Gewissen geplagt wird, muss sich noch eine Weile gedulden: Im nächsten Jahr soll ein besonders sparsames „Blue Motion“-Modell am Start sein; an einer Hybridvariante wird noch getüftelt.
Und als wäre die Auswahl an Motoren und Antriebsarten nicht schon üppig genug, darf man sich dann auch noch durch einen telefonbuchdicken Katalog an Sonderausstattungen arbeiten: Ein Tempomat mit automatischer Abstandskontrolle, die Fahrwerksregelung per Knopfdruck, eine Einparkhilfe und vieles mehr können den Preis auf bis zu 27000 Euro schrauben.
Eine stolze Summe für einen Kompaktwagen. Auch Maße und Design, Verarbeitung und Motorenangebot bestätigen im Grunde einen lange gehegten Verdacht: Der Golf ist der Golfklasse entwachsen – und so gut wie alles obsolet, wofür das Auto einst stand.
Die ersten Modelle des Golf entsprachen noch einer Art umgekehrtem Snobismus: Für wenig Geld und mit wenig Aufsehen konnte man mit dem Wagen Autos weit höherer Klassen hinter sich lassen. Ein in jeder Hinsicht klassenloses Fahrzeug, mit dem der Manager Understatement demonstrierte und die Hausfrau Flair. Heute sind Optik und soziale Verortung des Golf dagegen deckungsgleich. Er gehört in die obere Mittelschicht.
Auch heißt es oftmals, der Golf sei das Resultat eines großen Konsens. Das kann heute ebenfalls nicht mehr gelten: Während die Masse ganz offensichtlich nach Autos verlangt, die einen ansehen wie Millionärsgattinnen nach mehreren Schönheitsoperationen, setzt Volkswagen auf Nüchternheit. Der gängige Vorwurf, der VW Golf verströme gepflegte Langeweile, beruht auf einem Missverständnis – die prosaische Erscheinung des Autos ist in Wirklichkeit ein ganz bewusst gegen den Trend gesetztes Stilmittel.
Vielleicht ist der Golf 6 ja doch mehr Revolution als Evolution.





