Mika lümmelt ganz ruhig auf dem Sofa, aber man spürt, wie es in ihm arbeitet. Vermutung: Tief in ihm balgen sich zwei oder noch mehr Mächte miteinander. “Ich bin laut und fange leicht Feuer, das ist meine libanesische Seite“, sagt er. In der alten Heimat, er betont es mit Stolz, ist seine Musik ebenfalls auf Nummer eins. “Alle Menschen tanzen freudig auf den Tischen, aber in Wahrheit ist die Realität ziemlich traurig“, hatte eine Beiruter Zeitung über sein Album geschrieben, das sei doch “typisch libanesisch“. In Großbritannien hat das Werk nicht durchweg positive Kritiken bekommen, dafür klingt es in der Tat zu eigen.

Er sagt, seine Musik sei nicht durch seine Sexualität definiert

Der von der schwer kontrollierbaren Halbwelt des Internets befeuerte Aufstieg ist allen etwas unheimlich.Der einflussreichen Fachzeitschrift “New Musical Express“ etwa, die ihn allen Ernstes für “zu mainstream“ hält und deshalb ignoriert. Mika zuckt mit den Achseln. Er hat schon alles über seine Musik gehört: dass sie ein “schmutziges Vergnügen“ sei, “schmalzig“ oder “eskapistisch“. Dabei habe er mit Realitätsflucht gar nichts am Hut, sagt er. “Ich nehme die Wirklichkeit und strecke sie mit ein bisschen Wahnsinn und drehe sie etwas lauter.“ Seine Arbeitsweise vergleicht er mit Cartoonisten, die “das Schöne und das Hässliche auf das Wesentliche reduzieren und zugleich in eine zugänglichere Form verwandeln“.

Seine Schwester Yasmine hat für das Albumcover seine kleinen unmoralischen Märchen in Bilder übersetzt. Auch das Lollipop-Girl auf der Bühne ist eine Figur aus Mikas leicht anzüglichem Lied “Lollipop“, das frech einen drückenden Boogiebeat unter eine Kindermelodie legt. So harmlos, schweinisch, souverän bekommt das in diesen übersexualisierten und zugleich politisch gefährlich korrekten Zeiten niemand hin. Vielleicht ist das Mikas Geheimnis.

“Mein Name bedeutet Plastiktüte in Marokko!“, behauptet er. Kann man ihm das glauben? Mika spielt offensichtlich gern Verstecken: Er legt sich nicht gern fest. “Kommen Sie doch mit auf das Foto, Sie sind nicht hässlich“, flirtet er. Und obwohl er auch in seinen Songs und seinem Bühnengebaren mit einer latenten sexuellen Ambivalenz kokettiert, sagt er: “Manche Künstler machen Musik, die durch ihre Sexualität definiert ist. Ich nicht! Ich lebe ohne Grenzen und bin nicht verwirrt.“ Ja, natürlich sei seine Musik theatralisch: “Es ist doch Pop.“ Über sein Privatleben weiß im Übrigen nicht einmal sein Management irgendetwas. Es heißt, er lebe ein völlig unspektakuläres Singleleben im Londoner Stadtteil Earls Court.

“Was ich in fünf Jahren mache? Immer noch das Gleiche“, sagt Mika, aber seine Stimme klingt nicht so überzeugt. Trotz des zur Schau gestellten Selbstbewusstseins wirkt der Mann hinter dem Künstler ein wenig überwältigt vom eigenen Triumph und vielleicht zu zerbrechlich für dieses harte Geschäft. Aber es hilft nichts. Michael Penniman will, kann, muss Mika sein. “Ich erteile Ihnen hiermit die Erlaubnis, mir auf die Fresse zu hauen, falls ich anfange zu meckern“, sagt er. Wir werden ihn daran erinnern.

Mika im Interview

Mika: der Clip mit dem schönen Sänger

Raphael Honigstein / VANITY FAIR - 30. März 2007

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