Mit elf erleidet er, was er heute “einen kleinen Zusammenbruch“ nennt. Der ist so heftig, dass er nicht mehr zur Schule gehen kann. Zu allem Überfluss ist er auch noch Legastheniker, eine Schwäche, die auch heute noch in anstrengenden Situationen durchschlägt. “Musik war damals meine Rettung“, erzählt er. Mit einer russischen Lehrerin lernt er zu singen und fängt an, selbst Lieder zu schreiben. So erschließt sich ihm eine unbekannte Welt, “in der Menschen wochenlang daran arbeiten, eine Illusion, eine Fantasie zu kreieren“. Er merkt: “Ich muss keinen Beruf haben, der nur mit der Realität zu tun hat.“
Mika macht dann doch noch einen Abschluss auf einer englischen Schule und geht danach auf das renommierte Royal College of Music in London-Kensington. “Dort fühlte ich mich zum ersten Mal ernst genommen“, erinnert er sich. Zwar sei er von vielen Talentierteren umgeben gewesen. “Aber ich ließ mich nicht unterkriegen. In mir steckt eine jüdische Broadway-Mama. Wenn man mir eine Türe zuschlägt, gehe ich einfach zur nächsten weiter.“ Er bricht das College ab. Um die Rechnungen zu bezahlen, kellnert er, singt in Musicals, in der Oper und leiht seine Stimme der Werbung. Eine Weile schlägt er sich in den USA durch und beginnt, Demos an Plattenfirmen zu schicken.
Zu melodiös für Alternative, zu experimentell für Pop
Niemand reagiert. Zu maximalistisch, zu überbordend, zu laut ist Mikas Musik. Die Alternative-Leute konnten ihn nicht ausstehen, “weil ich Melodien so gern mag“. Den Pop-Leuten klingt er zu experimentell. Sein Lied “Grace Kelly“ erzählt von diesen Zurückweisungen. Auf dem ersten Platz der Hitparade ist das die eleganteste Form der Rache. “Es ist eine Abrechnung mit all jenen, die mich umformen und etwas aus mir machen wollten, was ich nicht bin“, sagt er mit dem milden Lächeln des Siegers.
“I try to be like Grace Kelly“ singt er in dem Stück, in dem er auch die Stimme der Fürstin von Monaco sampelt. Und weiter: “But all her looks were too sad/So I try a little Freddie/I’ve gone identity mad!“ Sehr ehrlich ist dieser Text. Denn mit Freddie ist Freddie Mercury gemeint, der Sänger von Queen. Mika wird wegen seines Falsettgesangs – durch den Mangel von auch nur irgendetwas Vergleichbarem im zeitgenössischen Pop – gern als Bastard des 1991 verstorbenen Schnauzbartträgers und des Gay-Disco-Kabaretts Scissor Sisters bezeichnet.
Dabei hat Mika nichts von der bedrängenden Obszönität des Queen-Frontmanns und nur wenig von der Kunststudentengehässigkeit der New Yorker. Sein Geschäft ist eine bis in die letzte Haarlocke affektierte, beunruhigend asexuelle, männliche Fröhlichkeit. Mit Früchtetortengeschmack. Niemand
kokettiert so gekonnt und konsequent mit seiner Andersartigkeit wie Mika, der den eigenbrötlerischen Songwriter Harry Nilsson, das Electric Light Orchestra und die Disney-Soundtracks der 50er-Jahre zu seinen Einflüssen zählt. Alles an ihm ist dermaßen falsch, dass es nur goldrichtig sein kann. In dieser Woche sprang “Grace Kelly“ auch in Deutschland aus dem Stand in die Top Ten.
Es ist die alte Geschichte des Underdogs, die Mika hier mit dem leicht amerikanischen Akzent eines Einwandererkindes auftischt, und der größte aller Teenager-Träume: einer Armut zu entkommen, die nicht monetärer, sondern sozialer Natur ist. “Eckies“ nannte man Kinder wie ihn früher auf dem Schulhof. “Wenn du abgelehnt wirst, aber charakterlich stark genug bist, daran nicht zu zerbrechen, lernst du, deiner eigenen Perspektive zu vertrauen“, sagt er. “Die Leute, die als die coolsten galten, waren für mich die uncoolsten. Cool sein ist immer nur eine kalkulierte, falsche Pose. Deswegen funktioniert cool am besten auf Fotos. Du kannst ein Wrack sein, richtig fotografiert wirst du unsterblich.“ Demnächst wirbt er mit seinem Gesicht für den britischen Modedesigner Paul Smith in Hochglanzmagazinen.





