Singen kann er - und gut aussehen tut er auch noch: Mika

Singen kann er - und gut aussehen tut er auch noch: Mika

Der Mann, der Queen sein will

Er klingt aufgekratzt wie der junge Freddie Mercury - mit einer Portion Wahnsinn. Wie kann so einer zum Star werden?

Samstagnacht in Newcastle, in Englands grimmigem Norden. Der Zweckbau der Northumbria University sieht trostlos aus. Beton in scheppernden Farben, Turnhallenkabinenmuff und eine untrügerische Studentenranzigkeit drücken 600 Menschen aufs Gemüt. Aber das macht die Sehnsucht nach Glanz und Show nur größer. Das Publikum entzieht sich jeder Kategorisierung. 14-jährige Schulhoffeger stehen neben spätpubertären Dickerchen mit Brille, Hipster vor Familien mit Kleinkindern. Sie alle schauen dem Lollipop Girl zu, einer als Alice im Wunderland verkleideten Frau mit blonder Perücke. Sie wirft freudig Lutscher ins Publikum.

Dann wird geschrien. Ein großer, dünner Mann stürzt auf die Bühne. Er trägt ein enges weißes Jackett zu einer zu engen weißen Hose, auf seinem Kopf thronen lockige Wuschelhaare, und er singt in einer hohen Tonlage, die das Trommelfell von Hunden zum Platzen bringen könnte. Hinter ihm spielt die Band bombastische, schwüle Discoknaller, und alles ist tief in die disharmonischen Farbtöne der 70er-Jahre getaucht. Seine langen Arme flattern wie die Flügel einer Windmühle im Sturm.

Überdreht bewegt er sich wie ein Kleinkind im Süßigkeitenladen. Seine Schlaksigkeit erinnert an Jarvis Cocker. Das rechte Bein bohrt ein Loch in die Bühne. Man kann sich den Komiker Jim Carrey als batteriebetriebene, hüpfende Zigarette vorstellen, um eine ungefähre Vorstellung von ihm zu bekommen – von: Mika.

In Großbritannien wird der 23-jährigen Michael Penniman selbst von seriösen Blättern wie dem “Independent“ bereits als Popstar seiner Generation gehandelt. Auch in den USA feiert man den “flamboyanten Brit-Import“ (“Entertainment Weekly“) als kommenden Mann. Tommy Mottola, der amerikanische Musikmogul, der einst Mariah Carey entdeckte, sieht ihn “in einer Liga mit David Bowie, Elton John und Robbie Williams. Er kann große Dinge erreichen“, sagt Mottola. Und meint damit: Mika hat das Zeug zum globalen Popidol.

Sein lakritzsüßer, marzipanweicher Sound stürmt auf Platz eins

Seine Debütsingle “Grace Kelly“, ein aufgekratzt säuselndes Stückchen Glampop, kam allein dank Internetdownloads im Januar noch vor der offiziellen Plattenveröffentlichung auf Platz eins der britischen Charts und hielt sich dort fünf Wochen. Im Februar stieg auch das Album “Life in Cartoon Motion“ mit seinem lakritzsüßen, marzipanweichen Discosound auf Platz eins. Die erste Tournee war natürlich ausverkauft. Weil niemand mit dem großen Erfolg rechnete, sind alle Konzerthallen viel zu klein. “Ich verliere pausenlos Geld“, sagt Mika noch vor dem Auftritt in Newcastle mit der Nonchalance eines Mannes, der gerade seinen Lottoschein nicht mehr findet, aber überzeugt ist, dass er sowieso bald den Jackpot knackt.

Mika sitzt in einem knallgrünen Pullover im schicken Hotelzimmer. Hinter dem Fenster leuchtet verführerisch die Gateshead Millennium Bridge über den Fluss Tyne. Schöner und angenehmer wird es in der ausgedienten Bergarbeiterstadt Newcastle, Hochburg der jugendlichen Kampftrinker, nicht mehr. Mika aber scheint das alles gar nicht wahrzunehmen. Er ist sehr mit sich selbst beschäftigt. Als habe er bis heute darauf gewartet, der Welt sein Leben zu erzählen.

Es fällt leicht, diesem Kerl zuzuhören. Nicht nur, weil er äußerst charmant ist, auch seine Geschichte ist ziemlich gut. Sie beginnt im zerbombten Beirut. Michael Holbrook Penniman wird 1983 mitten im Bürgerkrieg als Sohn eines amerikanischen Bankers und einer Libanesin geboren. Ein Jahr später wanderten die Pennimans nach Paris aus.

Anfang der 90er-Jahre zieht die siebenköpfige Familie weiter nach London. Mika kommt an der Themse auf eine vornehme französische Privatschule. “Es war furchtbar“, erzählt er. Denn Mika war anders als die anderen. Er spricht mit fremdländischem Akzent. Er trägt rote Hosen zu Hemden mit roter Fliege und merkwürdige Shorts. Seine Mitschüler beschimpfen ihn als “Schwuchtel“, als “Tunte“ und machen sich über seinen damals noch kräftigeren Körperbau lustig. Die Lehrer helfen nicht.

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