Nabokovs letzter Wille
Vladimir Nabokov verfügte am Sterbebett, dass das Manuskript seines letzten Buches verbrannt werden soll. Jetzt wird es veröffentlicht
Vielleicht muss man für einen Moment die Augen schließen, um sich in das letzte Geheimnis von Vladimir Nabokov einzufinden. Wir sind in einem Krankenhaus am Genfer See im Sommer 1976. Zwischen Fieberdelirien und den gedämpften Fach gesprächen der Ärzte liest der 77-Jährige erstmals aus seinem noch unfertigen Roman "The Original of Laura“ vor. Der Titel ist noch vorläufig. Auch "Dying is Fun“ steht zur Wahl. Wie immer hat Nabokov auf Karteikarten aus seinem geliebten Bristol-Papier geschrieben.
"Das Auditorium“, notiert der Schriftsteller über die Tage im Spital, "waren Pfauen, Tauben, meine längst toten Eltern, zwei Zypressen und einige junge Krankenschwestern, die sich über mich beugten, ebenso unser Hausarzt, so alt, dass er beinahe unsichtbar ist. Wahrscheinlich hatte meine arme 'Laura‘ wegen meines Stammelns und meiner Hustenanfälle weniger Erfolg, als sie hoffentlich bei den Kritikern haben wird, wenn sie in gebührender Form erschienen ist.“
Ein Jahr später, am 2. Juli 1977, stirbt Vladimir Nabokov. In seinem Nachlass finden sich 138 eng beschriebene Karteikarten, die rund 100 Buchseiten füllen würden. "Das Buch über Laura“, orakelt sein Sohn Dmitri einige Wochen nach der Beerdigung, "wäre der brillanteste von Vaters Romanen geworden. Aber Vater war entschieden gegen die Veröffentlichung einer unvollendeten Sache.“ Der amerikanische Journalist Ron Rosenbaum behauptete vor ein paar Jahren, Teile des Plots von "Laura“ zu kennen. Ihm zufolge schildert ein Icherzähler, wie er eine Kindfrau badet und sich für ihren Hintern begeistert.
Und ein Mr. Hubert – den also nur ein m vom berühmten Humbert Humbert aus "Lolita“ trennt – spiele Steckschach mit einem jungen Mädchen und schwärme von "kitzligen Löchern“. Seither kursieren mundwässernde Mutmaßungen, "Laura“ enthalte die pornografischen Passagen, vor denen Nabokov 1955 in seinem Welterfolg "Lolita“ noch zurückschreckte. "Laura“ wurde in den vergangenen 31 Jahren zu einem Mythos, zu einem der letzten großen weißen Elefanten der Weltliteratur, und die zahllosen Nabokovianer lässt die Frage nicht ruhen: Wird der heute 74-jährige Dmitri den letzten Wunsch seines Vaters erfüllen und ein brennendes Streichholz an die vergilbten Karteikarten halten, die in einem Banktresor lagern?






