Im Straßburger Café Grant treffen wir die Literaturprofessorin Lara Delage-Toriel. Sie zählt zur Handvoll Lebender, die nachweislich jede der 138 Karteikarten gelesen haben. Als Dmitri Nabokov sie 1999 kennenlernte, fand er offenbar Gefallen an der damals 23-Jährigen und ließ sie eine Zusammenfassung von "Laura“ schreiben – die erste überhaupt.
"Wir trafen uns in Dmitris Apartment in Montreux, mir zitterten die Hände, und mein Herz raste“, erzählt sie und reißt dabei ihre Augen so dramatisch auf, dass alle Sommersprossen in ihrem Renaissance-Gesicht in Bewegung geraten. "Er öffnete eine schuhkartongroße Kiste, und die Karteikarten glühten mir entgegen wie ein heiliger Schatz. Einige Sätze waren durchgestrichen, andere mit Sternchen und Verweisen versehen. Oben auf den Karten stand die Nummer des jeweiligen Kapitels. Alles sah sehr ordentlich aus – als hätte Nabokov es so der Nachwelt präsentieren wollen. Dmitri zog sich zum Mittagsschlaf zurück und ließ mich mit dem Fragment allein.“
Ob sie ein Meisterwerk oder alterssieche Wirrungen gelesen habe? – "'Laura‘ ist Nabokovs gültiges Testament, ein hoch verdichtetes Konzentrat seines literarischen Schaffens“, sagt Delage-Toriel. „Die Sprache ist nicht mehr so prächtig gedrechselt und weniger perfektionistisch, weil er offenbar niemandem mehr etwas beweisen musste. Wie in der Alchemie und ihren Minimierungen wird in ‚Laura‘ der reine Nabokov sichtbar.“






