Autor Ulf Poschardt

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Pionier des Internets: Rainald Goetz schafft Literatur auf vanityfair.de

Pionier des Internets: Rainald Goetz schafft Literatur auf vanityfair.de

Die Intelligenz der Masse

Mehr Diskussion ohne Hierarchie und Zensur – warum das Geschreibsel im Internet echte Bereicherung sein kann

Vor zwei Jahren erklärte der Werber Jean-Remy von Matt, dass das Geschreibsel im Internet das Gekritzel auf der Toilettenwand ersetzt habe. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Am Ende mailte von Matt bedeutenden Bloggern eine Entschuldigung. Vor Kurzem ließen zuerst ein "FAZ"-Herausgeber, dann ein "SZ"-Journalist ihrem Unmut über die Gegenöffentlichkeit des Internets freien Lauf. Sie sprachen mir aus dem Herzen.

Oft hatte ich mich über die Kommentare von Bloggern geärgert – sei es über VANITY FAIR, die eigenen Bücher oder gar mich selbst. Besonders, wenn sie schlecht informiert und/oder infam waren. Zum Glück stellte ich mein Ressentiment zur Diskussion. Die Euphorie unserer jungen Redakteure und die scharfe Kritik des ewig jungen Denkers Rainald Goetz zwangen mich, genauer hinzusehen.

Wie alle kulturellen Entwicklungen bedeutet auch die Explosion der digitalen Erzähl- und Darstellungsformen einen Prozess ständiger Selektion: Es gibt zunehmend mehr saublöde Angebote im Netz, aber eben auch faszinierend kluge, wie das eines 21-jährigen Jurastudenten, der auf YouTube öffentlich-rechtlichen Sendern mit journalistischen Mitteln Fehler nachweist (www.youtube.com/watch?v=R9JRm3iQQak). Der Bremer Student führte mit seinem Clip vor, wie halbwissend und tendenziös ARD und ZDF über Computerspiele und deren vermeintliche Gewaltförderung berichteten.

Die Auseinandersetzung zwischen Journalisten in Printmedien und den führenden Akteuren der digitalen Öffentlichkeit ist das erste Aufscheinen eines Kampfes um die Meinungsführerschaft bei jenen jungen Eliten, die sich für die schnelle Information immer häufiger das Internet als Primärmedium aussuchen. Blogs gefährden das Meinungsmonopol des Journalismus, auch deswegen sind sie uns unangenehm: Sie zwingen uns zu mehr Genauigkeit, und an den Echos im Netz können wir die Relevanz unserer Geschichten überprüfen.

Durch Foren und Communitys werden Leser emanzipiert: Sie geben ihnen die Möglichkeit, sich gegen Berichterstattung zu wehren, Fehler richtigzustellen und selbst Berichterstatter zu sein. Das Ergebnis: mehr Diskussion, ohne Hierarchie und Zensur. Ein Blogger, Kommentierer, Wiki-Schreiber wandelt sich vom Konsumenten zum Produzenten.

In der Popmusik geschah Vergleichbares mit der Benutzung zweier Plattenspieler und eines Mischpultes. Aus Hörern wurden Komponisten – mit dem DJ als Ikone einer neuen Produzentenkultur. Die ersten Scratches und Beats klangen hölzern, doch zehn Jahre später orientierten sich auch Rockbands am Sound der Sampler und Synthesizer. Rockmusik ist deswegen nicht ausgestorben: Im Gegenteil, sie klang im besten Falle moderner als in der Zeit vor Disco und Hip-Hop.

"Das große Versprechen der Demokratisierung des Publizierens", schreibt einer der besten Blogger des Landes, Stefan Niggemeier, "ist nicht die Herrschaft der ahnungslosen Masse. Es ist die Chance, die Vorteile der professionalisierten Wissensproduktion mit der Intelligenz der Masse zu kombinieren." Mein Lieblingsprojekt im Internet steht – bitte verzeihen Sie dieses Eigenlob – auf vanityfair.de. Es ist das literarische Tage- und Skizzenbuch von Rainald Goetz. Diese lebendige und dynamische Form der Literatur lässt alle Leser an der Entstehung einzigartiger Gedankenwelten teilhaben. Das neue Buch von Goetz würde ich trotzdem kaufen. Bis nächste Woche!

Ihr Ulf Poschardt - 03. Januar 2008

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