Im Frankfurter Zoo: hinten ein geknechtetes Tier, vor dem Käfig ein Revolutionär

Im Frankfurter Zoo: hinten ein geknechtetes Tier, vor dem Käfig ein Revolutionär

"Die Abschaffung der Arten" von Dietmar Dath (Suhrkamp Verlag, 24,80 Euro)

Revolte im Gehege

Dietmar Dath ist einer der interessantesten Autoren Deutschlands. Sein neuer Roman "Die Abschaffung der Arten" handelt von einer menschenlosen Zukunft und ist im Rennen für den Deutschen Buchpreis

Der Schriftsteller Dietmar Dath, Kommunist, Kulturkritiker und Science-Fiction-Fan, hat einen neuen Roman geschrieben. „Die Abschaffung der Arten“ steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und handelt davon, dass sich die Tiere, angeführt von einem Löwen, über die Menschen erheben. Das Werk ist eine komplexe Utopie, eine Mischung aus „Brehms Tierleben“, „Herr der Ringe“ und Hawkings „Das Universum in der Nussschale“ – Marx und Engels sind auch dabei. Da ist ja klar, dass man mit Dath in den Zoo geht, den Frankfurter in diesem Fall, am schönen Alfred-Brehm-Platz. Wir beginnen im Nachttierhaus, bei den Nagern, Füchsen, Schleichkatzen, dem Fußvolk des Aufstands.

Mein Freund, der Wüstenfuchs

VANITY FAIR:
Herr Dath, Sie mögen Zoos?
Dietmar Dath:
Besonders diesen hier. Während meiner Zeit als „FAZ“-Feuilleton-Redakteur kam ich oft her, wenn ich krank war. Irgendwann kam dann die Idee zu dem Buch.
VF:
Was hat die niedlichen Tiere, die hier rumschleichen, zum Beispiel diesen Wüstenfuchs mit den großen Ohren, so wütend gemacht, dass sie in Ihrem Buch die Menschheit unterjochen wollen?
Dietmar Dath:
Der Mensch hat die Tiere erniedrigt, ignoriert und aus seiner Weltenplanung ausgeschlossen. Darum rächt sich der Löwe Cyrus und verwirklicht eine neue Gesellschaft, zum Großteil menschenlos.
VF:
Der Löwe kommt rüber wie ein russischer Revolutionär. Haben Sie als Kommunist sich damit einen alten Traum erfüllt?
Dietmar Dath:
Es war eine große Freude, mal eine ganz neue Weltordnung entstehen zu lassen. Eine, die mit einem Gründungsverbrechen beginnt, der Brandrodung des Menschen.
VF:
Sind Tiere überhaupt klug genug für eine Revolution?
Dietmar Dath:
Wenn man sie richtig anführt: ja.
VF:
Ihr Lieblingstier?
Dietmar Dath:
Der Rotfeuer-Fisch. Außen bunt, aber innen ruhiger als Buddha.
VF:
Was haben Sie während Ihrer Recherchen völlig Überraschendes gelernt?
Dietmar Dath:
Giraffen haben schwarze Zungen.
VF:
Sonst noch?
Dietmar Dath:
Tiere reden sich keinen Scheiß ein. Dieser Fuchs im Käfig hier vor uns, der sagt sich nicht: Och, gar nicht so schlecht hier, wenigstens schön warm, und es gibt regelmäßig was zu essen – so, wie’s ein Mensch tun würde, um sich besser zu fühlen. Tiere verhalten sich einfach, das ist das Tolle an ihnen.
VF:
Warum läuft der Fuchs wie irr von einer Ecke des Käfigs in die andere?
Dietmar Dath:
Knastkoller. Oder er will das Weibchen beeindrucken.

Es ist angenehm, mit Dath im Zoo spazieren zu gehen. Er redet und denkt schnell und ist wohl der einzige deutsche Autor, der es hinkriegt, in nur zwei Minuten von der Heisenbergschen Unschärferelation über Metallica zu der amerikanischen Komikerin Ellen DeGeneres zu kommen. Ziemlich genau solche Verbindungen geht auch „Die Abschaffung der Arten“ ein. Das macht das Buch nicht immer einfach zu lesen, aber es muss ja auch nicht immer alles einfach zu lesen sein. So kurz ist das Leben ja nun auch wieder nicht.

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