- VF:
- Ist es für Sie denn prinzipiell unverständlich, religiös zu sein?
- Ralf König:
- Natürlich sehe ich dieses große Fragezeichen, das über unseren Köpfen schwebt, und ich verstehe es auch, wenn man dieses Fragezeichen „Gott“ nennt. Aber ich kann nicht verstehen, was ansonsten durchaus kritische und aufgeklärte Menschen dazu bringt, an einen persönlichen Gott zu glauben, der so denkt, wertet und moralisiert wie wir, der uns straft, in Versuchung führt und Spielchen mit uns spielt. Ich finde das infantil. Wir können vieles nicht verstehen, weil unser Hirn nicht ausreicht, aber dass die Wahrheit größer ist als biblische Mythen, zeigt mir jeder Blick in den klaren Sternenhimmel.
- VF:
- In manchen Ihrer Comics wie „Dschinn Dschinn“ wird ein sehr negatives Bild des Islam gezeichnet. Haben Sie nie Angst, dass Ihre Kritik in Islamphobie umschlägt?
- Ralf König:
- Ich finde ja eher: Ich komme mit der Satire nicht hinterher. Ich will Muslime nicht beleidigen, aber es ist oft schwer, die Wirklichkeit zu überbieten. Ich habe viel recherchiert, zum Beispiel, dass junge Frauen in Afghanistan heimlich mit jungen Männern flirten, indem sie die Burkas leicht anheben, damit der Jüngling die glitzernden Sandaletten am Fuß sehen kann. Das habe ich mir ja nicht ausgedacht! Einen Groll auf Religionen habe ich sowieso, und ich glaube nicht, dass der gegenüber islamischen Themen ausgeprägter ist als gegenüber christlichen. In beiden Fällen reicht es ja aus, dass ich schwul bin. Wie viel Sympathie sollte ich gegenüber diesen Religionen denn haben – bei all der Sympathie, die mir von ihnen entgegenschlägt?
- VF:
- Vielleicht würde statt Sympathie ja schon Toleranz reichen?
- Ralf König:
- Ich halte die Aufklärung für eine der größten Errungenschaften Europas. Sich vom Götterglauben zu befreien und Staat und Kirche zu trennen – das ist eine gesellschaftliche Riesenleistung, die der Islam noch nicht vollbracht hat. Dessen mittelalterliches Denken, der drohende Gott, vor dem man sich mehrmals am Tag verneigen muss, der Umgang mit Freiheit, Bildung, Menschenrechten, Sexualität und mit Frauen, dieser überzogene Ehrbegriff – das alles stößt mich ab. Und das alles macht sich zunehmend auch im Westen breit. Ich sehe ja immer öfter auf der Straße komplett verschleierte Frauen. Wer es wagt, sich über den Propheten lustig zu machen, bekommt nicht etwa eine Klage wegen Blasphemie an den Hals, sondern gleich ein Messer. Wie viele islamkritische Bücher, Filme, Cartoons werden darum gar nicht erst gemacht, aus Selbstzensur und Angst? Ich bin nicht fremdenfeindlich, dieses Etikett kann mir keiner anhängen, aber diese Religion ist mir unheimlich.
- VF:
- Haben Sie selbst schlechte Erfahrungen mit Religion gemacht? Waren Sie mal Messdiener?
- Ralf König:
- Nein, aber ich war in einem katholischen Dorfkindergarten mit lauter Nonnen, die von Pädagogik wenig Ahnung hatten. Und der Religionsunterricht und die Schulmessen haben mir lange das Hirn mit Märchen verkleistert. Als ich mit 15 oder 16 die Bücher von Hoimar von Ditfurth entdeckt habe, waren das meine Bibeln! Endlich bekam ich Antworten auf meine Fragen, wie groß und alt das Universum ist und wie die Erde entstand. Endlich keine Paulusbriefe, Jungfrauengeburten und Himmelfahrten mehr. Als in Köln der katholische Jugendtag stattfand, sah ich im Fernsehen diese Maschine, mit der Hostien hergestellt werden. Die Dinger schossen wie Popcorn aus dem Gerät, schüsselweise und mit großem Getöse, ganz und gar unheilig, aber später soll das dann der Leib Christi sein…Als Kind sollte ich bei einer Weihnachtsfeier in die Mitte des Saals zum Nikolaus gehen, um ein Gedicht aufzusagen. Aber beim Näherkommen habe ich bemerkt, dass es sich um einen jungen Mann handelte, der seinen Bart mit einem Gummiband am Ohr befestigt hatte. Ein sehr verstörendes Erlebnis. Ich dachte: Entweder glauben alle im Saal, dass das der echte Nikolaus ist und nur ich weiß Bescheid – oder alle wissen, dass das nicht der Nikolaus ist, und wollen mir etwas weismachen. Ein Trauma, wie in einem David-Lynch-Film. Ich glaube, dieses frühe Erlebnis hat mich zum Skeptiker werden lassen, was himmlische Belange angeht.






