Ralf Königs Knollennasen-Männchen sind von der rheinischen Schwulenszene in den Garten Eden umgezogen

Ralf Königs Knollennasen-Männchen sind von der rheinischen Schwulenszene in den Garten Eden umgezogen

„Wie viel Sympathie sollte ich als Schwuler gegenüber Religionen haben – bei all der Sympathie, die mir von dort entgegenschlägt?“
Ralf König

Der Glaubnix

In mehr als 20 Comicbänden hat Ralf König von bewegten Männern und trojanischen Hengsten erzählt. In "Prototyp" nimmt er sich jetzt die ganz großen Fragen vor. Ein Interview

VANITY FAIR:
Herr König, in einem Weblog kann man über Sie den Satz lesen: „Alles, was ich über Schwule weiß, weiß ich von Ralf König“. Nervt es Sie nicht, als Deutschlands Vorzeigeschwuler behandelt zu werden?
Ralf König:
Ich habe immer versucht, mich dagegen zu wehren. So etwas wie eine Galionsfigur der Schwulen wollte ich nie werden. Schon weil sich meine individuellen Macken und Sichtweisen nicht auf andere Schwule übertragen lassen.
VF:
Ist es Ihnen zu viel, für die Aufklärung über Schwule verantwortlich zu sein?
Ralf König:
Diesen Anspruch hatte ich nie. Anfang der 80er-Jahre habe ich begonnen, Comics darüber zu zeichnen, was ich als schwuler Mann erlebte oder möglicherweise einmal erleben würde. Damals war Schwulsein noch etwas, worüber man nicht sprach und allenfalls diskriminierende Witze hörte. Dann kam ich mit meinen Comics daher und war selbst schwul, und für viele Leute in der linken Szene war es wohl befreiend, politisch korrekt über Schwule lachen zu dürfen. Mehr wollte ich nie, ich wollte immer nur unterhalten oder vielleicht mal provozieren.
VF:
Gibt es diese politisch engagierte Schwulenbewegung noch, der Sie sich einmal zugehörig gefühlt haben?
Ralf König:
Die Szene ist größer geworden, aber auch oberflächlicher und unpolitischer. Vor allem in den Großstädten haben viel mehr Leute heute keine Hemmungen mehr, schwul zu sein. Aber das Bild, das in den Medien von Schwulen gezeichnet wird, ist halt nach wie vor ärgerlich. Da gibt es immer noch hysterische Tunten, affektierte Friseure und andere Klischees, die längst verstaubt sein sollten.
VF:
Wie in Bully Herbigs Film „(T)raumschiff Surprise – Periode 1“?
Ralf König:
Als ich das im Kino sah, fühlte ich mich in die 70er zurückversetzt. Der Film war ein einziger aufgeblasener Detlev-Witz, in Breitformat und mit Special Effects. Ich kann verstehen, dass Jugendliche darüber lachen, aber der Humor in diesem Film besteht darin, dass drei Tunten 90 Minuten durchs Weltall schwuchteln. Für einen schwulen 14-Jährigen, der mit seinem Selbstbewusstsein ringt, ist das nicht sehr ermutigend.
VF:
Braucht der schwule 14-Jährige in unseren Zeiten wirklich noch Ermutigung?
Ralf König:
Ich lebe in Köln, einer ausgesprochen schwulenfreundlichen Stadt, aber sobald man über den Rhein nach Köln-Kalk kommt, wird das Coming-out schon schwerer. Auf den Dörfern und in konservativeren Gegenden hat sich nicht viel geändert. Da haben immer noch viele Jugendliche Angst vor dem Geständnis, schwul zu sein. Das wird sich wahrscheinlich nie ändern.
VF:
Woran liegt das, wenn es doch so viel Aufklärung über Homosexuelle gibt?
Ralf König:
Ich habe nie herausgefunden, warum es Homophobie eigentlich gibt – ebenso wie Antisemitismus und Rassismus. Menschen brauchen offenbar Feindbilder. Vielleicht hat es ja mal die Fortpflanzung gefährdet, wenn die frühen Urhorden in Kleingruppen durch die Savanne zogen und ein haariges Männchen ein anderes haariges Männchen besteigen wollte. Aber was soll das heute noch?

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