Gelegentlich dunkle Tendenzen versuche ich, in Selbstironie zu verwandeln.
André Heller

André Heller im Interview

VF:
Über die Memoiren von Curd Jürgens schrieben Sie 1976 im „Spiegel“: „Jürgens sieht und empfindet Frauen als öffentliche Bedürfnisanstalt für seine erotische und seelische Notdurft. Eine seiner Hauptlieben hat mir gesagt: ‚Alles an diesem Mann ist banal, selbst im Bett ist er noch ein Gemeinplatz.‘“
A.H:
Das war von mir eine niederträchtige Tat, uferlos verletzend und vollkommen unentschuldbar. Ich war Ende der 70er-Jahre ganz und gar verstört, und mir ging’s aufgrund meiner freiwilligen Gefangenschaft im Negativen schlechter und schlechter. Auf dem Höhepunkt hat sich dann noch meine Freundin von einem Hochhaus in Wien zu Tode gestürzt.
VF:
Haben Sie heute noch „Hass-Erektionen“?
A.H:
Gelegentlich dunkle Tendenzen versuche ich, in Selbstironie zu verwandeln. Es ist wahrlich kein esoterisches Gebrumme zu sagen: Ab einem bestimmten Lernstadium bestimmt unser Bewusstsein das Sein, und genau die Art Energie, die man aussendet, erhält man zurück.
VF:
Ihr Botanischer Garten am Gardasee wird von Besuchern schon mal mit leeren Bierflaschen verschandelt. Kriegen Sie da nicht Totschlagswut?
A.H:
Die krieg ich für Augenblicke, wenn Besucher ihre Namen in die prachtvollen Bambusstämme einritzen: „Jimmy und Doro waren hier.“ Aber dann sage ich zu mir: Komm her, Bub. Ich halt dir den Kopf bei Rückfällen in alte Muster. Vor vier Jahren habe ich mit Albina einen absurden Streit gehabt, weil sie nicht wusste, wie das Navigationssystem ihres Autos funktioniert. Ich bin auf der Autobahn aus dem Wagen gesprungen und wie ein fünfjähriger Vollidiot querfeldein gestampft. Es regnete gewittermäßig, und ich war bis auf die Unterhose durchnässt. Nach zehn Minuten habe ich einen Lachkrampf gekriegt: Schau dich an, jetzt sind wir schon 57, und du stehst hier lächerlich bis zum Äußersten, und deine Liebste sitzt wahrscheinlich weinend in einem Autobahnrestaurant. Wir haben dann eine Regelung ausgemacht. Wenn wieder ein absurder Konflikt aufkommen sollte, fragt sie mich: „Willst du wieder im Regen stehen?“ Das funktioniert. Glauben Sie mir: Man kann nachhaltig aus sich einen gelungeneren Menschen machen.

Sven Michaelsen / VANITY FAIR - 11. September 2008

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