Mein Vater war davon besessen, mir den Katholizismus einzubrennen.
André Heller

Ohrfeigen und Karzer

Der opiumsüchtige Vater wollte unbedingt einen Kardinal aus ihm machen, die Mutter versuchte dauernd, sich das Leben zu nehmen - André Heller schildert in seinem neuen Buch und im Gespräch mit VANITY FAIR eine Kindheit zwischen Wiener Großbourgeoisie und katholischer Glaubenskaserne

Eine traumschöne Villa am Gardasee. André Heller hat Besuch von seiner 94-jährigen Mutter, die gerade eine Stunde im See schwimmen war. In seiner neuen Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ spielt die Dame eine Hauptrolle. Wann immer Heller in den folgenden Stunden sein Gedächtnis verlässt, ruft er durchs Haus: „Mama, wie war das noch?

VANITY FAIR:
Herr Heller, als Sie sechs Jahre alt waren, schickten Ihre Eltern Sie in ein Knabenkonvikt in der Schweiz. Warum?
A.H:
Mein Vater war davon besessen, mir den Katholizismus einzubrennen, und konnte mit seinen Domestizierungsmaßnahmen nicht früh genug beginnen. Er wollte aus mir unbedingt einen Kardinal oder mindestens einen Bischof machen. Deshalb schickte er mich in diese Glaubenskaserne, die eine Art Kinderausgabe der heiligen Inquisition war.
VF:
In einem Ihrer zahllosen Verzweiflungsbriefe schrieben Sie: „Meine geliebte Mami, ich weine Tag und Nacht.“
A.H:
Meiner Mutter imponierte das leider nicht im Geringsten. Bekäme ich so einen Brief von meinem Sohn, würde ich ihn sofort mit einem Rettungshubschrauber ausfliegen. Ich habe mich dann im Internat in ein Fantasieuniversum geflüchtet und bizarre Länder erfunden, für die ich Nationalhymnen, Briefmarken und Flaggen gestaltete. Eine meiner imaginären Reisen war, als erster Mensch in das Innere eines Vulkans hinabzusteigen und in der glühenden Lava nach Feuerfischen zu suchen. Solche Traumexile waren mein seelischer Luftschutzkeller in einer Welt, in der Eigensinn und Sinnlichkeit wie Todsünden behandelt wurden.
VF:
Ihre Lehrer hielten Sie für nicht erziehbar. In wie vielen Internaten waren Sie?
A.H:
In dreien. Am schlimmsten war das Privatgymnasium für hoffnungslose Fälle in der Nachkriegs-Nazi-Enklave Bad Aussee, wo ich mit 16 einrücken musste. Im Ort gab es eine schlagende Mittelschulverbindung und beim Tag der deutschen Burschenschaften wurde gegrölt: „Die Gaskammern waren zu klein, wir bauen größere, da kommt ihr alle hinein.“ Unser Direktor war ein ehemaliger SS-Obersturmbannführer. Am ersten Schultag führte er mich in die Klasse und sagte: „Da ist ein Neuer. Setzt euch nicht neben ihn, denn in seinen Adern fließt böses Blut.“ Diese zwei Sätze haben mich innerhalb von zehn Sekunden politisiert.
VF:
Wie haben die elf Internatsjahre Ihre Sexualität geprägt?
A.H:
Ich bin in einer unglaublichen Körperfeindlichkeit aufgewachsen. Wir bekamen beruhigende Brom-Chemikalien in den Frühstückskakao, damit hoffte man, die Geschlechtslust herabzusenken. Es schliefen 80 Buben in einem Saal, in der Mitte gab es einen Eisenofen, der im Winter zu glühen begann. Viele Buben haben sich ein Vergnügen draus gemacht, auf den glühenden Ofen zu onanieren. Das hat gezischt und gestunken. Mein entscheidendstes Gefühl war, dass mir da alles maßlos unappetitlich war. Bei uns zu Hause hat man mich zwar eher mit Zynismus statt Liebe versorgt, aber es war eine appetitliche, wohlriechende Welt mit Blumenbouquets, schönen Möbeln, geschliffenen Gläsern und Brahmsliedern. Meine Mitschüler hatten bald heraus, dass es mich schnell grauste. Wenn es mal Fleisch gab, hat sofort einer auf meinen Teller gespuckt, weil er wusste, ich esse dann nichts mehr. Dann hat der sich über mein Fleisch hergemacht.

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