Schlechte schulische Leistungen wurden mit Essensentzug bestraft.André Heller
André Heller im Interview
- VF:
- Welche Strafen gab es?
- A.H:
- Schlechte schulische Leistungen wurden mit Essensentzug bestraft, und von Ohrfeigen bis Karzer gab’s selbstverständlich alles. Aber für mich waren bestimmte Bestrafungen Abwechslungen. Geschlagen wurde ich nicht gern, das fand ich indiskutabel. Aber allein in einen Raum eingesperrt werden, war für mich absolut erstrebenswert. Oder eine Woche ausgeschlossen werden vom Sport: Ein schöneres Geschenk konnte man mir überhaupt nicht machen. Dafür hätte ich sogar bezahlt.
- VF:
- Ihr Vater, den Sie als „Herrenmenschlein“ und „seelischen Knochenbrecher“ beschreiben, war Mitinhaber eines weltumspannenden Süßwarenimperiums. Stimmt es, dass Sie sich bis heute vor Süßwaren ekeln?
- A.H:
- Ja. Inzwischen schaffe ich es aber immerhin, zweimal im Jahr ein Mousse au Chocolat zu essen.
- VF:
- Ihr Vater – Kommerzialrat, Ritter der französischen Ehrenlegion und Großritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem – war ein Jude, der zum Katholizismus konvertierte und im Ersten Weltkrieg als K.-u.-k.-Offizier kämpfte. Als die Deutschen 1938 in Wien einmarschierten, musste er mit einer Zahnbürste Gehsteige säubern, anschließend wurde er von einem antisemitischen Mob misshandelt. War es dieses Trauma, das ihn deformiert hat?
- A.H:
- Das weiß ich nicht genau, weil er sich immer weigerte, darüber zu sprechen. Vielleicht konnte er sich nicht verzeihen, dass er den Holocaust überlebt hat.
- VF:
- Woher rührte sein katholischer Missionierungswille?
- A.H:
- Hitler gab ihm zu verstehen: Ätsch, du kannst katholisch sein, so viel du dir einredest, Jud’ bleibt Jud’, und Dreck bleibt Dreck. Plötzlich wurde er wieder zur jüdischen Welt gezählt, gegen die er sich innerlich und äußerlich entschieden hatte. Als er später nach London flüchtete und als Verbindungsoffizier der französischen Exilregierung fungierte, muss er sich geschworen haben: Jetzt werde ich bedingungslos erzkatholisch! Er hat dann sehr merkwürdige Dinge getan und wurde Krankenträger in Lourdes, so hobbymäßig drei Wochen im Jahr. Wie Erzherzoginnen in den Lazaretten als Krankenschwestern gerbeitet haben, ist er als Großindustrieller dienend nach Lourdes gepilgert.
- VF:
- Stimmt es, dass Sie seinen Judenstern aufbewahren?
- A.H:
- Ja. Das Stoffstück liegt in einer Vitrine meines Wiener Palais.
- VF:
- Sie attestieren Ihrem Vater „exzentrischen Sadismus“. Weshalb?
- A.H:
- Ein Beispiel von vielen: Als mein Bruder eine Briefmarke vermisste, sperrte mein Vater mich eine Nacht lang ins eiskalte Badezimmer. Am nächsten Morgen ließ er mich schwören, dass ich die Briefmarke nicht gestohlen habe, und befahl, über meinem Kinderbett ein Schild anzubringen mit der Aufschrift „Wer falsch schwört, dem wächst die Hand aus dem Grab“. Unter dieser Drohkulisse musste ich jeden Abend einschlafen.






