Produktdesignerin Julia Lohmann mit einem ihrer Werke

Produktdesignerin Julia Lohmann mit einem ihrer Werke

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Sie haben beispielsweise Porzellan-Positive von toten Mäusen gefertigt, die als Schlangenfutter verkauft werden. Muss Kunst denn provozieren?
Julia Lohmann
Warum fühlen wir nur manchmal mit den Tieren? Abhängig vom Kontext kann eine Tierart so verschieden wahrgenommen werden. Mickey Mouse ist süß, aber gefrorene Babymäuse im 12er-Pack im Zoogeschäft nicht. Ich möchte meine eigene Position zur Beziehung zwischen Tier und Mensch, Natur und Industrie vermitteln. Kunst muss nicht provozieren, sie muss zum Denken und Fühlen anregen. Ich will nicht provozieren. Im Gegenteil, meine Einstellung ist sehr traditionell. Ich esse zwar Fleisch und trage Leder, aber ich will nicht vergessen, dass das Tier einmal gelebt hat.
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Sie gehen mit Tieren auf eine sehr natürliche Weise um. Woher kommt das?
Julia Lohmann
Ich war schon immer sehr auf Tiere fixiert. Vor meinem Studium am Royal College of Art habe ich auf einer Pferde- und Schafsfarm auf Island gearbeitet. Dort helfen die Menschen den Lämmern im Frühjahr zur Welt. Die Lämmer leben dann einen Sommer glücklich im Hochland, bevor neun von zehn zum Schlachter kommen. Dort kennt jeder seine Verantwortung. Als ich dann nach London gekommen bin, fand ich es krass, dass man in den Läden Hühnchen kaufen kann, die die Form von Dinosauriern haben. Gleichzeitig regen sich die Leute auf, wie furchtbar Massentierhaltung ist. Ich glaube, das passiert deshalb, weil die Verbindung zwischen Tierproduktion und Fleischverwertung gekappt worden ist.
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Ihre Designs rufen beim Betrachter teilweise Ekel hervor. Ist das von Ihnen gewollt?
Julia Lohmann
Ja, es ist surreal. Ich wollte etwas so Schönes schaffen, dass die Menschen automatisch davon angezogen sind und es berühren wollen. Was es ist, sollen sie in einem zweiten Schritt herausfinden. Bei den Lampen aus konservierten Schafsmägen haben die Leute teilweise entsetzt reagiert. Wie kann es sein, dass man die Haut der Schafe an seiner Haut trägt, die Muskeln des Schafs isst und dass man dann den Magen von dem Schaf eklig findet? Man kann, wenn man das Schaf tötet, doch alles verwerten.
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Gibt es ein Tier, das sie niemals verwenden würden?
Julia Lohmann
Ja, fast alle. Mir geht es darum, mit Tieren zu arbeiten, die wir eh tagtäglich schlachten. Ich will, dass sich die Leute fragen, warum wir akzeptieren? Jeder einzelne muss viel mehr hinterfragen, was er wann konsumiert, wie es entstanden ist und was passiert, nachdem es konsumiert wurde und wie es recycelt werden kann.
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Haben Sie ein Lieblingsprojekt? Wenn ja, welches?
Julia Lohmann
Die Kuh ist mein bekanntestes Projekt. Jeder Schaumstoffblock ist Rückgrat auf Rückgrat mit dem Leder einer Kuh bezogen. Eine Arbeit, auf die ich stolz bin, ist die Welle aus Holzkisten. Ich wollte eine Installation schaffen, bei der ich auf die Überfischung der Ozeane eingehe. 90 Prozent aller Raubfische, die vor 100 Jahren noch in den Weltmeeren waren, gibt es nicht mehr.
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Wer kauft Ihre Arbeiten? Für wen ist die Kunst?
Julia Lohmann
Hauptsächlich Kunst- und Designsammler, Galerien und private Sammler. Die Wellen-Installation in Japan habe ich für mich und für die Betrachter, ja eigentlich für alle gemacht. Da ging es um das Kunstwerk und nicht um Kommerz.

ccm - 01. Juli 2008

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