König des Kitsch
Er ist der populärste Filmstar der Welt – hier weiß das kaum jemand. Mit "Om Shanti Om" will Indiens Star Europa erobern
In Indien gehen jeden Tag 15 Millionen Menschen ins Kino. 800 Filme werden dort pro Jahr produziert, so viele wie nirgendwo sonst auf der Welt. Indiens größter Filmstar ist der 42-jährige Shahrukh Khan. An den Straßenständen von Delhi und Mumbai stehen seine Bilder neben Figuren hinduistischer Gottheiten. Jeden Sonntag versammeln sich Fans vor seinem Haus, manchmal winkt er ihnen vom Balkon aus zu. Als er die Berlinale besuchte, meldeten hiesige Jünger einen Freudenzug vom Brandenburger Tor Richtung Potsdamer Platz an. Darf man es einem König übel nehmen, wenn er zum Interview zwei Stunden zu spät erscheint?
- VANITYFAIR.DE
- Hatten Sie einen stressigen Tag, Herr Khan?
- Shahrukh Khan
- Stress? Ach was, ich bin nie gestresst. Wir Inder sind da ein bisschen lockerer.
- VANITYFAIR.DE
- Wegen Yoga und Ayurveda?
- Shahrukh Khan
- Nun ja, ich weiß, in Indien ist das wirklich in Mode, aber ich bin nicht der Typ für Ayurveda. Dafür bin ich zu unruhig. Ayurveda ist mir zu langsam.
- VANITYFAIR.DE
- Ihre Filme wirken auf Europäer sehr kitschig. Stundenlang wird getanzt und geweint. Und ständig geht es um Liebe, Tod und Herzschmerz...
- Shahrukh Khan
- Unser Kino ist total kitschig, keine Frage. Aber Indien ist nicht nur ein unglaublich großes Land, sondern hat auch viele verschiedene Kulturen und Sprachen. Die wenigsten haben Zugang zur Unterhaltungskultur. Ich muss also Kino für alle machen, für die Reichen und die Armen, für Kinder und 80-jährige Großmütter. Viele Menschen in meiner Heimat sind leider immer noch Analphabeten. Ich habe Landsleute, die eine Mahlzeit auslassen, um Geld fürs Kino zu sparen. Das ist wirklich traurig. Aber diese Menschen will ich auch unterhalten. Deshalb mache ich Filme für die Massen.
- VANITYFAIR.DE
- Was lernen die Massen von einem Mann, der in fast jeder Szene andere Kleidung trägt, in einem Moment auf einer Blumenwiese tanzt, dann über Sanddünen läuft, und plötzlich steht er singend in einer Burgruine in Schottland?
- Shahrukh Khan
- Sehen Sie sich doch mal die Blockbuster an, die in Europa und Amerika laufen: ein Mann, der gleichzeitig eine Spinne ist, ein anderer fliegt durch die Luft, weil er eigentlich aus dem All kommt. Ist das denn realistisch?
- VANITYFAIR.DE
- In Ihrem neuen Film werden Sie sogar wiedergeboren…
- Shahrukh Khan
- Ja, das ist immer toll. Die Produzenten in Mumbai wissen: Wenn Khan in einem Film wiedergeboren wird, wird es ein Kassenschlager. Keiner glaubt wirklich noch an Wiedergeburt, aber es spendet Hoffnung.
- VANITYFAIR.DE
- Sie sind Muslim, die Hoffnung auf Wiedergeburt ist Ihnen ja sowieso verwehrt.
- Shahrukh Khan
- Ja, ich bin Muslim. Aber das ist nicht der Grund, warum ich nicht an Wiedergeburt glaube. Ich bin ein wissenschaftlich denkender Mensch.
- VANITYFAIR.DE
- Dass Sie klug sind, stellen Sie im indischen Fernsehen unter Beweis: Sie sind, wenn Sie nicht gerade einen Film drehen, der indische Günther Jauch und moderieren die indische Version der Quizshow "Wer wird Millionär?".
- Shahrukh Khan
- Das ist schon vorbei. Jetzt haben wir etwas ganz Neues am Start, das Sie hier in Deutschland wahrscheinlich auch kennen. Die Show heißt: "Bist du schlauer als ein Fünftklässler?" (Auf Sat.1 unter dem Titel: "Das weiß doch jedes Kind", Anm. d. Red.) Ich wollte unbedingt mehr mit Kindern produzieren. Und wirklich, die meisten sind klüger als ihre Eltern.
- VANITYFAIR.DE
- Machen Sie diese Erfahrung auch zu Hause mit ihren zwei Kindern?
- Shahrukh Khan
- Die können unmöglich klüger sein. Ich bin ja selbst noch ein Kind. Und das macht mich insgesamt schlauer als die meisten Erwachsenen – und übrigens auch schlauer als meine Kinder.
- VANITYFAIR.DE
- Sie sind also der Allergrößte?
- Shahrukh Khan
- Ehrlich gesagt: So etwas wie mich gibt es nicht noch einmal. Ein Kinostar, der eine TV-Show moderiert. Ich wollte das unbedingt tun, um eins mit den Leuten zu werden. Dieses ganze Rätsel um mich: Oh Gott, was für ein Star, an den kommt niemand heran! In der Show kann ich mich ganz natürlich geben und sagen: "Hey Jungs, seht her, so bin ich wirklich."






