1. Schlüsselreiz Thomas Mann
  2. An der Welt leiden
  3. Faszination der Mann-Familie
  4. Vom Tagebuch zum Drehbuch
Die Familie Mann kennt er nach eigener Aussage beinahe besser als seine eigene: Heinrich Breloer

Die Familie Mann kennt er nach eigener Aussage beinahe besser als seine eigene: Heinrich Breloer

Ein Mann für alle Fälle

Keine Familie bewegt die Deutschen so wie die Manns, kein Roman wie die „Buddenbrooks“. Dank Heinrich Breloer jetzt im Kino

Seit 50 Jahren hat es die berühmteste Familie in der deutschen Literatur nicht mehr ins Kino geschafft, nun hat Heinrich Breloer die Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Lübecker Großbürger neu verfilmt – und ging dabei ein großes Wagnis ein. Der 66-Jährige hat noch nie einen Spielfilm gedreht, allerdings eine fast einschüchternde Reputation zu verteidigen: Breloer ist nicht weniger als der wichtigste Dokumentarfilmer der Bundesrepublik. Er hat sich mit den Biografien Willy Brandts und Herbert Wehners auseinandergesetzt, mit dem Terrorismus der RAF, mit der Barschel-Affäre und den moralischen Abgründen des Naziarchitekten Albert Speer.

Immer wieder Thomas Mann

Und immer wieder auch mit Thomas Mann: Seit den 80er-Jahren entstanden drei fulminante Dokumentarfilme über das Schicksal der Familie des Nobelpreisträgers. Breloers Doku-Dramen arbeiten mit einer „offenen Form“, die er selbst entwickelt hat: Zeitdokumente und Interviews mit historischen Zeugen werden mit von Schauspielern nachgedrehten Szenen kontrastiert. Bei den „Buddenbrooks“ mit Armin Müller-Stahl, Iris Berben und Jessica Schwarz, ab 25. Dezember im Kino, verzichtet er nun zum ersten Mal aufs Dokumentarische und verlässt sich nur auf seine eigenen Bilder – einer der Gründe dafür, dass er dieser Tage ständig Interviews geben muss. Aber die Erwähnung Thomas Manns funktioniert wie ein Schlüsselreiz. Zwei Stunden lang spricht er hoch konzentriert und ausschweifend über sein Lebensthema.

VANITY FAIR:
Herr Breloer, im Tagebuch von Thomas Mann heißt es: „Auch leide ich seelisch und körperlich darunter, dass Nr. 4 aller Unterkleidung mir zu klein, Nr. 5 mir zu groß ist. – Magensäure und Verstopfung.“ Wie muss ein Mensch beschaffen sein, der sich so etwas notiert?
Heinrich Breloer:
So schreibt ein sehr auf sich bezogener Mensch, der sich bis zu seiner Unterhose und seinen Blähungen genau registriert, aber ebenso aufmerksam andere Menschen beobachtet. Man hat sich über die Trivialitäten lustig gemacht, die er sich aufschreibt. Dennoch sind seine Tagebücher von bedeutenden Mann-Kennern, von Hans Mayer oder Marcel Reich-Ranicki, als sein letzter großer Roman beschrieben worden. Er notierte die tiefe Erregung beim Anblick schöner Jünglinge: „Ich will, dass die Welt mich erkenne.“ Darum hat er das aufgeschrieben. In den Tagebüchern spricht er von diesem Glücksversprechen und vom Schmerz, dass es nie erfüllt wird. Er hat sich als Leistungsethiker, Thomas Buddenbrook ein wenig ähnlich, fleißig in sein Kontor gesetzt und Leidenschaft und Triebverzicht in das Glück der Literaturproduktion verwandeln können.
VANITY FAIR:
Am 6. August 1945 notierte Thomas Mann in sein Tagebuch: „Atombombe auf Hiroshima. Einkauf von weißen Seidensocken.“
Heinrich Breloer:
Tendenziell sind wir alle so. Für mein Buch „Geheime Welten“ habe ich mehrere Hundert Tagebücher gelesen, und immer wieder den Kopf geschüttelt, wenn da so etwas stand wie: „Stalingrad können wir abhaken. Christel ist zur ersten heiligen Kommunion gegangen. Es war ein netter Abend.“ In Tagebüchern und in unserem Leben stehen das Große und das Kleine oft erschreckend dicht nebeneinander.

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