"Jeder Zweifel war Verrat"
Stefan Aust schrieb „Der Baader Meinhof Komplex“, Bernd Eichinger hat daraus einen Film gemacht. Für VANITY FAIR trafen sich die zwei zum Gespräch über ein Kapitel deutscher Geschichte, in dem jeder der beiden auch selbst eine Rolle spielte
Am Tisch des Restaurants Cox in Hamburg: Stefan Aust legt seine Schirmmütze mit der Aufschrift „Presidential Retreat – Camp David“ ab. Bernd Eichinger erzählt, wie es zum Film „Der Baader Meinhof Komplex“ kam: „Das war Schicksal. Ich war in Berlin und wollte noch auf ein schnelles Bier ins Borchardt reinschneien. Vor der Tür war ein Mordsauflauf, weil Sabine Christiansen ihren Geburtstag feierte. Der Türsteher ließ mich rein, weil er mich erkannte und dachte, ich sei eingeladen. Am Tresen erzählte der Stefan mir dann, dass er einen zweiteiligen Film über die RAF für den NDR plane. Ich sagte: Nix da! Das machst du mit mir!“
- VANITY FAIR:
- Herr Aust, bei Ihrer ersten Begegnung mit Ulrike Meinhof 1963 waren Sie 17 Jahre alt. Wie haben Sie sie kennengelernt?
- Stefan Aust:
- Ulrike war damals mit dem „konkret“-Herausgeber Klaus Rainer Röhl verheiratet, und mit dessen Bruder machte ich die Schülerzeitung unseres Gymnasiums. Wenn Ulrike ihre Schwiegereltern besuchte, redeten wir miteinander. Sie wirkte auf mich wie eine traditionelle Linke. Dass sie Mitglied der illegalen, von der DDR finanzierten KPD war, erfuhr ich erst später. Auch dass „konkret“ mit DDR-Geld gegründet wurde, war ein gut gehütetes Geheimnis.
- VF:
- Mit 20 wurden Sie selbst „konkret“-Redakteur. Ein in der „Spiegel“-Redaktion lange Zeit populäres Foto zeigt Sie mit zum kommunistischen Gruß gereckter Faust und zwei jungen Damen, die transparente Blusen ohne BH tragen.
- Stefan Aust:
- Manchmal lässt man sich eben auf einer Party zu Scherzen hinreißen, die man irgendwie cool findet.
- VF:
- Standen Sie, wie man damals sagte, fest auf dem Boden unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung?
- Stefan Aust:
- Ich war ein bürgerlicher Anarcho-Liberaler, wie Helmut Schmidt das später mal bezeichnet hat. Dass ich zu „konkret“ ging, lag am guten Angebot und meiner Lust, eine Zeitschrift zu machen, die ich für notwendig hielt. Dass ich nach drei Jahren wieder gekündigt habe, hatte auch ein bisschen mit Ulrike zu tun. Als sie in „konkret“ einen erbosten Kommentar schrieb über Mitarbeiter, die das Profitinteresse ihres Verlegers verinnerlicht hätten, war ich gemeint.
- VF:
- Fanden Sie Ihre Kollegin charismatisch?
- Stefan Aust:
- Mit diesem Wort konnte ich schon damals nichts anfangen. Ulrike sah attraktiv aus und war ein bisschen mollig. Keine Schönheit, aber eine sehr interessante Frau.
- VF:
- Waren Sie mal verliebt in sie?
- Stefan Aust:
- Nein. Sie war nicht so richtig mein Fall. Sie war mir zu streng und wusste auch immer alles besser. Wenn man anderer Meinung war, war man für sie sofort „unpolitisch“.
- VF:
- Vergangenes Jahr erwähnten Sie in einem Chat auf „Spiegel Online“ knapp, dass Baader einmal versucht habe, Sie umzubringen. Was brachte Sie auf die Todesliste der RAF? Ihre Befreiung der von der RAF nach Sizilien verschleppten Zwillinge von Ulrike Meinhof?
- Stefan Aust:
- Dass sie die Kinder nicht wie geplant in ein Kindercamp für palästinensische Jungguerillas schicken konnten, war schon eine herbe Niederlage. Vermutlich nahmen Baader und Co. auch an, ich wüsste so viel über die Gruppe, dass ich für sie gefährlich werden konnte. Das war aber leider nicht der Fall.






