Christian Karl Gerhartsreiter steht vor Gericht

Christian Karl Gerhartsreiter steht vor Gericht

Die Leben der Anderen

15 Jahre lang gab sich ein Deutscher aus Oberbayern als Angehöriger des Rockefeller-Clans aus und täuschte sogar die New Yorker Upperclass. Trieb ihn die Sehnsucht, Eitelkeit - oder wollte er einen Doppelmord vertuschen?

Vielleicht hat er das Buch sogar gelesen, damals in der Schule. „Ich bin nicht Stiller“, lässt Max Frisch seinen Helden gleich zu Beginn seines Romans „Stiller“ aus dem Jahr 1954 sagen. Es geht um einen Mann, der nicht der sein will, der er immer gewesen ist. Und um die Frage: Kann man, darf man ein anderer werden als der, für den einen alle halten?

Seit dem 2. August sitzt im Gefängnis von Boston ein Mann in einer Zelle, der sagt: „Ich bin nicht Gerhartsreiter.“ Und behauptet, Clark Rockefeller zu heißen. Dabei ist zweifelsfrei erwiesen, dass er Christian Karl Gerhartsreiter ist – 1961 geboren im bayerischen Dorf Bergen am Chiemsee.

Bergen ist ein beschauliches Dörfchen nahe der österreichischen Grenze. Das Aufregendste im Ort ist die mehrspurige Autobahn, die dort vorbei von München nach Salzburg führt. Christian Karl Gerhartsreiters Eltern, Simon und Irmengard, leben in der Bahnhofstraße, der größten Straße des Dorfes. Der Vater ist Landschaftsmaler, die Mutter Näherin. Christian Karl fällt in der Schule nicht unangenehm auf. Im Gegenteil. Er ist originell, spielt gern den Klassenclown, manchmal macht er Telefonstreiche, bei denen er seine Stimme verstellt. Vielleicht wollte er damals schon gern mehr sein als der Junge aus Oberbayern.
Mit 17 jedenfalls geht er als Austauschschüler nach Amerika. Er wird nie mehr nach Bergen zurückkehren. Niemand kann heute genau sagen, was in ihm vorging. Sogar seine engsten Freunde nicht. Sein jüngerer Bruder Alexander war damals noch in der Vorschule. „Deutschland war einfach zu klein für ihn“, glaubt er heute. Warum? Begründen kann er es nicht. Die Mutter gibt keine Interviews mehr, im Elternhaus von Christian Karl läuft nur der Anrufbeantworter. „Für mich ist er schon vor langer Zeit gestorben“, soll Irmengard Gerhartsreiter amerikanischen Reportern vor ihrem Abtauchen gesagt haben.

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