Die Jagd der Paparazzi nach dem besten Bild

Die Jagd der Paparazzi nach dem besten Bild

Überhaupt ist diese Gegend nicht eines dieser klassizistischen Villenareale, sondern eher ein Arbeiterviertel mit vielen arabischen Imbissbuden. Das Krankenhaus allerdings genießt einen glänzenden Ruf in ganz Südfrankreich und liegt nur wenige Propellerumdrehungen von dem neuen Provence-Anwesen entfernt. Der Eingang zum Hauptgebäude befindet sich an der Rückseite des blauen Kastens. Auch diese Parallelstraße ist verkehrsreich, wenngleich nur noch zweispurig. Und die kleine Verbindungsgasse zwischen den Hauptstraßen ist das Auslauffeld für die Paparazzi sowie für ein Häuflein Fans und Neugierige. Ein Wagen hält, und wie ein Drogenhändler verspricht ein junger Mann (gleich auf Englisch!) „heiße Ware“. Er arbeite in dem Krankenhaus und habe ein Foto geschossen: Angelina schlafend in ihrem Bett. Seine Freundin neben ihm wechselt zwischen hysterischem Nicken und ängstlicher Ungläubigkeit. Problematisch sei, dass sich derzeit leicht ermitteln ließe, welcher Mitarbeiter das Foto gemacht habe. Er müsse also auf mehr Trubel warten: „Aber bald!“

Zwei andere Mädchen, denen es sichtlich peinlich ist, fremde Menschen anzusprechen, nehmen allen Mut zusammen: „Sie sind doch Paparazzi?! Dann wissen Sie bestimmt, in welchem Hotel Tokio Hotel untergebracht sind?“ Angelina und Brad sind ihnen nicht so wichtig.Gegen Abend wiederum verschärft sich die Aggressivität der örtlichen Knipser. Zu fünft wollen sie dem VANITY FAIR-Fotografen verständlich machen, er dürfe auf keinen Fall ihre Gesichter fotografieren. Dann könnten sie nicht mehr unentdeckt arbeiten.

Ein einziges Gerenne, Gerufe, Dramatik

Unentdeckt? Diese Jungs tragen schuhkartongroße Kameras um den Hals und wuchten Objektive in Elefantenbeingröße durch die Gegend. Und: Es sind die gleichen Leute, die ihr Geld damit verdienen, andere Menschen gegen deren Willen „abzuschießen“. Plötzlich kommt Bewegung in die Campingrunde. Beiläufig, beinahe schon gelangweilt, stellt ein Krankenhausbediensteter eine rot-weiße Absperrung auf, vor einem unscheinbaren Lieferanteneingang, den niemand im Blick hat. Ebenso beiläufig schiebt er diese Absperrung einige Minuten später wieder zur Seite, öffnet das Gitter, und als sei diese Bewegung an einen übergeordneten Automatismus gekoppelt, biegt quietschend ein schwarzer, vollständig verdunkelter Mercedes-Transporter mit Berliner Kennzeichen ein und hält genau vor einer stählernen Seitentür.

Ein einziges Gerenne, Gerufe, Dramatik! Plötzlich ist diese Seitengasse voll mit Fotografen und sogar Kameraleuten, von denen die ganze Zeit nichts zu sehen war. Von den gegenüberliegenden Balkonen stieren nun Dutzende Gesichter. Passanten entsichern ihre Digitalkameras. Und ein äußerst muskulöser Mann steigt aus dem geheimnisvollen Transporter und joggt schweigend auf die Stahltür zu, die ohne Klopfen von innen geöffnet wird. Allerdings joggt der gleiche Mann einige Minuten später genau so schweigend wieder zum Auto zurück und fährt vom Hof.

Brillant, muss man attestieren. Denn möglicherweise hat genau im gleichen Moment ein Hubschrauber vom Dach abgehoben – und mit ihm die 10-Millionen-Dollar-Mutter. Und während wir hier unten schreien und schubsen, hat sie sich oben in der Luft darüber königlich amüsiert.

Guido Eckhardt / Vanity Fair - 11. Juli 2008

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