- VANITYFAIR.DE
- Sie rufen sie aus dem Gedächtnis ab?
- Karl Lagerfeld
- Ja, doch. Übrigens wollte ich ursprünglich Karikaturist und Illustrator werden. Solche Zeichnungen mache ich noch immer wahnsinnig gern, aber ich habe nicht viel Zeit dafür. Da ich ja bei Chanel lebenslänglich verurteilt bin, wird das wahrscheinlich auch nicht besser.
- VANITYFAIR.DE
- Wenn Sie alles im Kopf haben, ist die Vergangenheit für Sie ja auch nicht wirklich vergangen, sondern noch präsent.
- Karl Lagerfeld
- Was ich persönlich kennengelernt habe, interessiert mich nicht, aber mit der Zeit davor ist es etwas anderes. Deshalb interessiere ich mich auch für die 20er- und 30er-Jahre. Darin steckt eine Unbekannte, die wieder kreativ ist, wie für die jungen Leute von heute die 70er-Jahre. So toll war das gar nicht, aber dass sie das glauben, ergibt eine neue Kreativität.
- VANITYFAIR.DE
- Können Sie uns etwas über aktuelle Projekte sagen?
- Karl Lagerfeld
- Ich richte jetzt in New York eine Wohnung in einem Stil ein, den noch keiner gemacht hat, den die Leute noch nicht wiederentdeckt haben. Deutsche Avantgarde vor dem Bauhaus: Bruno Paul, Peter Behrens. Ich spreche vom Werkbund und dem Ende der Darmstädter Schule. Die Möbel sind unglaublich, grün, gelb, rot, in Lack und toll gemacht. Und an den Wänden werden die deutschen Werbeplakate von 1905 bis 1915 hängen, nicht später, denn das ist die Periode, in der die moderne Werbung erfunden wurde, das ist wie Pop-Art, unglaublich.
- VANITYFAIR.DE
- Wie kam es zu dieser stilistischen Neuorientierung?
- Karl Lagerfeld
- Ich hatte durch Zufall Möbel aus der Wohnung von Schliebsam gefunden, die er für sich selbst entworfen hat, aus rotem Lack, vier Stühle, zwei Tische und zwei Sockel. Da mache ich ein Schlafzimmer draus, alles in Schwarz-Weiß, nur mit den roten Möbeln drin und dem Porzellan, den Lampen und so weiter.
- VANITYFAIR.DE
- Bei Ihnen scheint alles wie von selbst zusammenzufinden.
- Karl Lagerfeld
- Ja, genau. Denn ich habe auch einen Salon von Bruno Paul. Ich richte nur ein Zimmer amerikanisch mit den neogriechischen Sachen aus den 30er-Jahren ein, weil ich davon eine Sammlung habe. Auch das Gästezimmer ist von Bruno Paul, das ist ganz unglaublich, zwei Grüntöne und Silber. Von diesen Sachen gibt es nur ganz wenige, denn die reichen Leute vor dem Ersten Weltkrieg nahmen das nicht, und nach dem Weltkrieg hatten sie kein Geld mehr, und was sie hatten, wurde gegen Bauhaus ausgetauscht. Ich besitze auch eine Möbelsammlung von Bauhausstudenten.






