"Ich diskutiere nicht"
Der Modezar trennt sich von seinen Schlössern, rechnet mit Deutschland ab und erklärt, wie er in New York leben wird
Die einzige Droge, die Karl Lagerfeld kennt, ist das Neue. Deshalb hat er es zum Beruf gemacht und verbrennt sein Leben für die Arbeit, wie es 16-Jährige für das Vergnügen tun. Dabei wären seine 20-Stunden-Tage für jeden jugendlichen Draufmacher der Heilige Gral. Gerade hat Lagerfeld seine Villa in Biarritz verkauft und sich in New York eine neue Wohnung eingerichtet. Als Zwischenstopp sozusagen auf dem Weg nach L.A., wo er jüngst bei den Oscars sehr präsent war und gerade für seine aktuelle Cruise Collection gefeiert wurde.
Zum Interview treffen wir Lagerfeld zuvor in seinem Studio in der Pariser Rue de Lille, wo er an diesem Abend Regisseur David Lynch fotografierte. Und als gegen 23 Uhr die Zeit für das Gespräch gekommen ist, wird im Hintergrund der nächste Fototermin mit einem deutschen Model arrangiert. Der Meister dirigiert das Team nebenbei, fordert für das Mädchen wilderes Haar und für die Szene kälteres Licht. Im Bruchteil einer Sekunde kehrt sein elastischer Geist an den Ort des Interviews zurück, einem großen runden Tisch voller Bücher mit eingelegten Lesezeichen: Lagerfelds Ideenlabor.
- VANITYFAIR.DE
- In den letzten sechs Monaten haben Sie in der deutschen Hauptstadt nicht nur Ihre Fotoporträts "One Man Shown" vorgestellt, sondern auch Rodolphe Marconis Film "Lagerfeld Confidential" uraufführen lassen. Spüren Sie eine neue Liebe zu Berlin?
- Karl Lagerfeld
- Nein, Berlin ist zu sehr verunstaltet worden. Es gibt zu viele tote Flächen, und man hat keine guten Architekten genommen. Die Intensität der Stadt ist verloren. Der Esprit ist weg, im Gegensatz zu Hamburg oder München.
- VANITYFAIR.DE
- Dann wäre es nicht reizvoll für Sie, dort eine Wohnung zu haben?
- Karl Lagerfeld
- Ich bleibe lieber in der Großstadt. All meine Landhäuser habe ich wieder verkauft, gerade auch das in Biarritz. Man behält kein Haus mit zwölf Leuten Personal, wenn man zwei Jahre nicht dort ist. Ich habe noch ein Schloss in der Champagne, in dem ich noch nie geschlafen habe. Diderot hat dort lange gelebt. Ich wollte eine Stiftung für deutsch-französische Literatur daraus machen, aber die Auflagen des französischen Staats sind unzumutbar.
- VANITYFAIR.DE
- Könnten Sie nicht in Deutschland so eine Stiftung einrichten?
- Karl Lagerfeld
- Nein, in Deutschland kann man so etwas nicht machen, dort wollen sie nicht für andere Leute arbeiten, da bekommt man kein Personal. Im Osten könnte ich mir wunderbare Sachen vorstellen, aber in den Dörfern fehlt die entsprechende Mentalität, und ich habe dort offen gestanden auch Angst. Ich liebe Weimar, da ist noch irgendwas in der Luft.
- VANITYFAIR.DE
- Das Haus an der Hamburger Elbchaussee gehört Ihnen auch nicht mehr.
- Karl Lagerfeld
- Ich hatte das Gefühl, die Elbe schneidet mich ab von meinem eigenen Wesen und versetzt mich zurück an meinen Ausgangspunkt, und das will ich nicht. Ich hörte das Echo der Stimmen meiner Eltern im Garten, weil ich ja als Kind dort gelebt habe. Ich habe alles wunderbar restauriert, und als es fertig war, habe ich mir gesagt: Hier hast du nichts verloren. Ich mache gern Sachen, um sie zu machen. Ich hebe ja auch nichts auf, weder von Kollektionen noch von allem anderen. Es ist, als ob ich nie etwas getan hätte. Wenn Sie eine alte Zeichnung wollen, dann muss ich sie erst wieder ausführen.






