1. Ein Plädoyer für Angelina Jolie
  2. Härter drauf als jeder Kerl
  3. Ein Plädoyer gegen Angelina Jolie
  4. Narzissmus und Charity-Getue
Gut oder böse? Für die einen ist sie eine Mischung aus Mutter Courage und Jeanne D'Arc, für die anderen eine gigantische Nervensäge

Gut oder böse? Für die einen ist sie eine Mischung aus Mutter Courage und Jeanne D'Arc, für die anderen eine gigantische Nervensäge

Plädoyer gegen Angelina Jolie

Heute ist an Angelina Jolie nichts mehr brandoesk. Stattdessen mutet die 33-Jährige wie eine Mischung aus der ungarischen Filmdiva Zsa Zsa Gabor (genau wie sie verschanzt sie sich in ihrer Villa) und dem ehemaligen französischen Sexsymbol Brigitte Bardot an. Die teilt sich mit einem Dutzend adoptierter Straßenkatzen und einem Esel ein Haus in Frankreich.

Es braucht nicht viel Fantasie, um das auf Jolie zu übertragen. Gerade hat sie nahe des französischen Dorfes Correns ein 35-Zimmer-Schloss gemietet – dessen Wert auf rund 70 Millionen Dollar geschätzt wird. Dort lebt sie mit ihren leiblichen Kindern Shiloh Nouvel (2), den Mitte Juli geborenen Zwillingen Knox Léon und Vivienne Marcheline und den aus aller Welt zusammenadoptierten Kindern Maddox Chivan (7), Pax Thien (4) und Zahara Marley (3). Der Esel in ihrem Leben ist Brad Pitt. Der war nicht nur so geistesschlicht, die tolle Jennifer Aniston zu verlassen, sondern ließ sich auch den Eis-Ötzi auf den Unterarm tätowieren. Wahrscheinlich, um neben seiner mehrfach gestochenen Freundin nicht wie der letzte Spießer zu wirken.

Ostentatives Charity-Getue

Der Brangelina-Clan erscheint vielen als die perfekte Familie. Die Wirklichkeit sieht, wie so oft in Hollywood, ganz anders aus. Das erzählte zumindest die ehemalige Nanny dem amerikanischen Magazin „Star“: „Die Kinder machen, was sie wollen, essen nur Fast Food, und immer läuft der Fernseher. Maddox redet nur französisch, und Zahara beißt die anderen.“ Auch ein Jolie-Interview aus dem Jahr 2007 lässt kaum auf ein gesundes Familienleben schließen: „Meine adoptierten Kinder sind mir näher als Shiloh“ und „Ich habe eine geringere Neigung, meine leibliche Tochter zu lieben“, sagte die Supermama dort.

Ob sich auch die Zwillinge auf mütterlichen Liebesentzug einstellen müssen? Kann sein. Erst einmal wurden sie aber hübsch gemacht und für die Rekordsumme von 14 Millionen Dollar für die Magazine „People“ und „Hello!“ fotografiert. Der Erlös wird – selbstredend – für wohltätige Zwecke gespendet. An die hauseigene Jolie-Pitt-Foundation. Wer es nun in privaten Runden aber wagt, den Widersinn anzusprechen, dass Jolie und Pitt sich einerseits über die Verfolgung durch Paparazzi beklagen, dann aber ihre Kinder an Magazine verhökern, oder dass das Abfotografieren von Babys, die nicht mal ihren eigenen Kopf halten können, genauso unanständig ist wie das ostentative Charity-Getue, bekommt von den verbliebenen Fans die Leviten gelesen. „Die tut wenigstens was!“, heißt es dann.

Narzissmus als Motivation

Das Schlimmste an diesem Argument: Es stimmt. Zum Teil jedenfalls. Denn natürlich machen die gespendeten Dollars die Welt ein klein wenig besser. Und natürlich lenkt Jolie, wenn sie sich neben einem Kind mit Blähbauch fotografieren lässt, mehr Aufmerksamkeit auf eine afrikanische Krisenregion als die hundertste UN-Petition. (In Zukunft bitte auf Folgendes achten: Jolie hat auf diesen Bildern immer Block und Stift zur Hand, um besonders engagiert zu wirken.) Doch leider ist ihre Motivation nicht Menschenliebe, sondern Narzissmus. So sieht es jedenfalls der Psychologe Borwin Bandelow: „Angelina Jolie ist eine lupenreine Narzisstin. Sie empfindet es als große persönliche Befriedigung, von der Welt als Wohltäterin wahrgenommen zu werden.“ Das macht ihr humanitäres Engagement natürlich nicht minder effektiv – dafür aber weniger ehrenvoll.

Kommende Generationen werden Angelina Jolie jedenfalls nicht mehr als Schauspielerin und geniale Künstlerin wahrnehmen, die sie mal war. Sondern als: die Frau von Brad Pitt, die ständig Kinder adoptiert. Und auch sie selbst wird sehr bald vergessen haben, dass sie mal das Aufregendste war, was Hollywood zu bieten hatte.

Peter Praschl und Philipp Jessen / VANITY FAIR - 28. August 2008

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