Ein Plädoyer für Angelina Jolie
Angelina Jolie hat schon immer nach einfachen Maximen gehandelt: Sei mehr, als man dir zutraut, gib mehr, als die Welt verkraften kann, nimm dir mehr, als für dich vorgesehen war. Ziemlich lange ging das gut. Die Menschen lieben, weil sie verlässlich immer dieselben Kunststücke abliefern: Amy Winehouse die Intensität der Selbstzerstörung, Jennifer Aniston herzensgute Romantik, Heidi Klum patente Burschikosität. Nervös werden sie erst, sobald jemand mehr als drei Tricks gleichzeitig beherrscht und nicht einsehen will, dass man sich zu bescheiden hat. Angelina Jolie ist so jemand. Übermutter, glückliche Ehefrau, Weltverbesserin. Sie hat den drahtigsten Körper, die gefährlichsten Lippen, den hübschesten Mann, die schönsten Babys und Termine mit UN-Hochkommissaren. Sie hat drei Kinder geboren, drei adoptiert und ist immer noch hot. In „Wanted“ lässt sich das jetzt mühelos überprüfen: Wie sie in ihren superengen Klamotten aus Autos hängt und Feinde tötet, sieht sie immer noch so verboten scharf aus, dass Frauen über Bisexualität nachzudenken beginnen und Männer es riskieren würden, auf dem Weg vom Bade- ins Schlafzimmer über Legosteine zu stolpern.
Es ist ein dämliches Klischee, scheint Mrs Jolie beweisen zu wollen, dass Frauen mit Heirat und Geburt anders sein müssen als davor: Du kannst immer noch alles haben, die erotische Macht, den Spaß, den Zirkus. Du musst kein unauffälliges Hausmütterchen werden, bloß weil du Kinder magst; du musst auch nicht in einer langweiligen Kleinfamilie versumpfen, sondern kannst in einem spannenden Patchwork-Clan leben, und beim Versuch, die Welt zu verbessern, zwingt dich niemand dazu, es beim Unterschreiben von Überweisungsaufträgen bewenden zu lassen.
Selbstverständlich erscheinen Menschen, die so durchs Leben navigieren, oft viel anstrengender, als man verkraften kann. Deswegen neigt man dazu, schmallippig nach dem Haken an der Geschichte zu suchen – kann alles nicht wahr sein, kann alles nicht gut gehen, ist doch alles nur narzisstische Schau. Doch wenn wir ehrlich wären, müssten wir zugeben: Angelina Jolie lebt das Leben, das wir gern selbst hätten, uns aber nicht zutrauen. Weil es für gewöhnliche Menschen zu anstrengend wäre.
Härter drauf als jeder Kerl
Mit Angelina Jolie verhält es sich so wie in der Fisherman’s-Friends-Werbung: Ist sie zu stark, bist du zu schwach. Sobald man das einmal erkannt hat, bleibt einem nicht viel anderes übrig, als diese seltsame Frau zu verehren. Dafür, dass sie sechs Kinder großzieht und den begehrtesten Mann des Universums dazu gebracht hat, Babypausen einzulegen und Windeln zu wechseln, dafür, dass sie die Welt zu einem ein wenig erträglicheren Ort macht und nebenbei in jedem ihrer Actionfilme immer noch härter drauf ist als jeder Kerl.
Kann durchaus sein, dass sie sich irgendwann auch für Astrophysik zu interessieren und an Theorien über die Entstehung des Universums zu arbeiten beginnt. Dann hätte man jedes Recht dazu, von ihr genervt zu sein. Aber erst dann. Solange sie bleibt, wie sie ist, verdient sie es, dass uns jedes Mal, wenn sie irgendwo auftaucht, vor Bewunderung der Mund offen stehen bleibt.






